Kurt F. Neubert
Romane, Erzählungen  und Gedichte

Erzählungen

Tautröpfchen - Erzählungen aus Eisleben

“Tautröpfchen”

Frieling Verlag 1999 Wie Tautropfen, die in der Sonne funkeln und das Leben spiegeln, erstrahlen Kurt F. Neuberts Geschichten aus der Lutherstadt Eisleben. Sie verdichten sich zu einem kostbaren Juwel sensibler Erzählkunst. Behaglichen Schrittes durchwandert der Autor die einstige Heimat. Wenngleich sich heute Autokarawanen durch die Straßen wälzen, haben sich doch Oasen der Ruhe unter hohen Bäumen, der Zauber des Alten Friedhofs, Überliefertes von einst erhalten. Neubert erzählt von den Abenteuern zweier Jungen auf dem Eislebener Wiesenmarkt, von wundersamem Osterwasser, einer couragierten Hebamme sowie von der zarten Liebe eines jüdischen Mädchens und eines deutschen Jungen, die 1938 grausam getrennt wurden.
zur Zeit vergriffen, Neuauflage 2015!

Die Legende vom Osterwasser

Im Jahre 1497, am ersten Osterfeiertag - das entnahm der zehnjährige Paul Lehmann den Erzählungen älterer Leute - hätte sich für Sonntagskinder am Grunde der Bösen Sieben, oberhalb Eislebens, ein unterirdischer Stollen geöffnet. Dort, in der Tiefe des Hohlraumes, fanden sie damals Osterwasser das Gesundheit, Schönheit, Kraft und Weisheit gegeben habe. Aber das Wunder vollziehe sich seit jenem Jahr nur alle hundert Jahre und nur in der Zeit zwischen neun und zehn Uhr. Da Paulchen - wie er Zuhause genannt wurde - ein Sonntagskind, glaubte fest daran, noch dazu wo die hundert Jahre vergangen waren. So begab er sich 1997, am ersten Ostersonntag, in den Morgenstunden zur Hüneburg, um von dort her das Gelände zur Bösen Sieben hin zu durchstreifen. Er hüpfte über Steine und Wurzeln, umging, die schicksalsträchtige Stunde erwartend, mehrere Sträucher und Gebüsch, bis er das Rauschen des Wassers vernahm. Plötzlich hielt er inne und horchte: Vom Wind herangetragen dröhnten die mächtigen Glockenschläge der Marktkirche neunmal. Im gleichem Augenblick begann in das Säuseln des Bachwassers ein starkes Dröhnen und Tosen, so als kollidieren Gesteinsmassen, zerreiße die Erdkruste und breche prasselnd auseinander. Einen Augenblick glaubte er böse Geister hätten im Zorn seinen Untergang beschlossen. Ein leises Raunen, wie flüsternde Seelen es in der Nacht, die eine Botschaft leise herantragen, beruhigte sein pochendes Herz. Langsam und gelassen stieg er ohne Furcht zum Grunde der Bösen Sieben. Unter seinen Füßen knirschte harter Kies. Und wie im Traum hörte er auf einmal das Raunen von Bachgeistern: „Sohn des Glücks, vernimm als Sonntagskind die frohe Botschaft: geh in die sich soeben geöffnete Höhle und steig in die Tiefe des Schachtes, um vom geheimnisvollen Eisleber Osterwasser zu trinken. Aber vergiß nicht das Zurückkehren! " Wie von Geisterhand geschaffen öffnete sich jäh ein Portal, dessen Öffnung in die Tiefe führte. Paulchen überwand den Schock, den ihn die Geister und die sich plötzlich öffnende Tür eingejagt hatten, wie seine Ängste. Das Portal im naßkaltem Gemengeboden der Bachschräge, war nicht groß, aber ausreichend, um hineinschlüpfen zu können. Er bückte sich und kroch auf Händen und Füßen in die Tiefe der Finsternis. Aus der Ferne drang das feine Brausen und Glucksen fließenden Wassers an sein Ohr. Doch das Dunkel war ihm unheimlich. Schnell kroch er ans Tageslicht zurück, lief heimwärts, steckte sich eine Kerze und Streichhölzer in die Tasche und griff nach einem Krug. Wie der Wind jagte er zu Friedchen, seiner Freundin, nahm sie an die Hand, erklärte ihr im Lauf seine Entdeckung und rannte mit ihr schnurstracks zur Höhle. Vor dem Eingang entzündeten sie ein Streichholz, entflammten die Kerze und krochen dem geheimnisumwit- terten Ort entgegen.
Friedchen folgte ihrem Freund mit bibbernden Herzen. Das Licht warf gespenstische Schatten. Plötzlich öffnete sich der Gang. Ein großer Raum, in Gold und Silber getaucht wurde sichtbar. Staunend betrachteten sie die geheimnisvolle Wunderwelt. Von der Decke hingen Wurzeln blitzend wie Spinnweb. An den Wänden glitzerten funkelnd Steine und Kristalle in tausend schönen Farben. Und ganz am Ende der Grotte sprudelte kristallklares Wasser aus einem von Meisterhand geformten Rohr in eine geschliffene Bronzeschale. Paulchen stellte die Kerze auf die Erde. Sich die Hände reichend schritten die beiden Sonntagskinder zur Quelle. Erhabenen Mutes fügten sie ihre Handflächen zum Becher, um vom köstlichen Naß in tiefen Zügen ihr erstes Osterwasser trinkend zu genießen. Es war wie ein Wunder. Beide Kinder fühlten ein starkes, ein ihnen völlig unbekanntes Gefühl in sich aufsteigen, das sie berauschte. Im flackernden Kerzenlicht sahen sie sich tief in die Augen, umschlangen einander und ihre Lippen berührten sich zum zarten Kuß. Ihnen war heiß. Ihre Gesichter glühten. Ihr Atem glich Nebelschwaden. Nur langsam ließen sie voneinander ab. Hastig schöpfte Paulchen noch den Krug mit Osterwasser voll, um sogleich wieder ans Tageslicht zu schlüpfen. Für einen Moment noch sahen sie am Bachgrund den Wassermann mit seinem Dreizack in der rechten gekommen, berichtete Paulchen aufgeregt von seinem seltsamen Erlebnis mit Friedchen an der Bösen Sieben. Seine Eltern lächelten, sie wollten ihm nicht glauben. Da reichte er ihnen den Krug und sagte verschmitzt: „Bitte, wenn ihr mir keinen Glauben schenkt, trinkt vom Wasser aus dem Krug!" Wohl oder Übel folgten sie der Aufforderung ihres Sohnes und tranken vom Wasser. Kaum hatten die Eltern getrunken, säuselte Paulchens Vater: „Oh, mein geliebtes Weib, wie schön du geworden bist!" Und Paulchens Mutter rief verzückt: „Großer Gott, welch belebendes Feuer plötzlich in meinen Adern brennt ...!" „Was hab ich gesagt, mein Wasser ist reines Osterwasser. Ob ihr es glaubt oder nicht. Ihr werdet den Verlockungen die von diesem Osterwasser ausgehen nicht widerstehen können!" Tatsächlich, die Eltern konnten dem Wasser nicht widerstehen und zogen sich ins Schlaf- zimmer zurück ... In jenem Moment ertönte die helle Stimme seiner Mutti: „Hallo, Paulchen, aufstehen! Du kleine Schlafmütze; sonst verschläft Du noch diesen herrlichen Ostertag und Dein Geburts- tag" Paulchen rieb sich verschlafen die Augen. Ungläubig blickte er hoch und starrte entgeistert ins Antlitz seiner Mutti. Wieso liege ich im Bett? dachte er. Da setzte sich seine Mutti auf den Bettrand, küßte zärtlich seine Wange und flüsterte: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! du Sonntagskind." Erst da begriff Paulchen, daß er alles nur geträumt hatte. ***

Leseprobe

Die Veröffentlichung - Juni 2016

Anlass:

2017 - 500 Jahre Reformation

Titel:

“Brennpunkt: Lutherstadt Eisleben”

Alle Erzählungen und Gedichte aus dem Buch “Tautröpfchen” wurden zum Teil überarbeitet und illustriert mit aufgenommen. Neubert hat mehrere Geschichten und Gedichte genutzt, um die im Grunde seines Herzens vorhandene Liebe zu den Menschen und der Natur, abgeklärt, manchmal frech oder auch facettenreich darzustellen. Geschichten aus der Luthersradt Eisleben, in deren Mittelpunkt die Erzählung steht »Luther ist schuld«. Der Autor ist bemüht, Luthers Erbe in der Erinnerung der Bürger lebendig und begreifbar zu halten. In einer phantastisch anmutender Gestalt steht Michael Donart, der sich in einer konkreten Auseinandersetzung mit Luthers Übersetzung des Neuen Testaments befindet, an dessen Ende sein Tod steht, der anders dargestellt wird als es im Kirchenbuch von 1583 niedergeschrieben wurde. Papst Leo X. nutzte die Angst der Christen vor dem Fegefeuer der Hölle, um für den Bau der Peterskirche und für sein Leben im Genuss über den Peterserlass6, den Gläubigen Geld aus der Tasche zu ziehen. Leo X. habe gesagt: »Da uns Gott das Papsttum gab, lasst es uns zu genießen.« Luther war anlässlich der gotteslästerlichen Anmaßung des Papstes und der Ablasskrämer entsetzt. Da kein Prälat noch ein Bischof es wagte seine Stimme gegen den Ablasshandel zu erheben, sah sich Luther gezwungen zu handeln ... Siehe auch nachfolgend: “Tautröpfchen”

Seiteninhalt

Brennpunkt: Lutherstadt Eisleben

Leseprobe Brennpunkt

Tautröpfchen

Leseprobe Tautröpfchen

Leseprobe “Brennpunkt: Lutherstadt Eisleben”

Inhaltsverzeichnis Vorbemerkungen 9 HEIMAT 12 Was ich gesucht 13 Oase Alter Friedhof 14 Nachtigallen 18
Luther ist schuld 19 Gedanken des Laien-Autors zu Martin Luther 39 Die Hymne der Reformation 44 Abschied nach der Christmette 45 Mit Dir 53 Ein Mädchen 54 Die wundersame Vermehrung einer Mark 55 Eislebener Wiesenmarkt 58 Die Legende vom Osterwasser 59 Kurgeflüster 62 Frühlingserwachen 65 Ein Hauch von Seligkeit 66 Eine Hebamme griff zu 68 Frau und Mutter 76 Der Sexualkindesmörder 77 Kinderlachen 81 Onkel Ottokars Tod und der Engpass 82 Tausend Küsse 89 Die Legende vom Minna-Bad 90

Luther ist schuld

Im Jahre 1583, es war ein Dienstag nach Pfingsten, saß Michael Donart, ein Bürger Eyslebens, ab dem späten Nachmittag, nach der Beerdigung seiner Frau, mit Aurelius, einem ehemaligen Klosterbruder, zusammen im Gasthof Zum Schwarzen Ochsen. An diesem Dienstagnachmittag hatte Donart seine Frau in aller Stille beerdigt. Selbstlos hatte ihn Aurelius, als treuer Freund beim Gang zum Friedhof begleitet. Fast gradlinig und gleichförmig lagen die Reihen der dürren Erdhügel. Nur wenige eiserne Grabkreuze ragten über einem Gewirr von vertrockneten Gras heraus. Krähen, rauschten krächzend über die Männer hinweg. Die Luft auf dem trostlosen Gottesacker war mild und klar. Die ausgehobene Erde für das Grab roch frisch und herb. Pastor Hebestreit, das Wort nehmend, sprach vom schweren Schicksal der gottesfürchtigen Frau, die Gott in seiner Barmherzigkeit von ihrer schweren Krankheit erlöst und sie ins paradiesische Himmelreich geführt habe. Donart in Schwermut mit halben Ohr zuhörend, krampfte seine Finger zusammen. Gibt es das Wunder, dass ein Gott sich seiner Frau annahm? Nur wenige Worte des Pastor Hebestreit blieben in seinem Gedächtnis hängen. Dann glitten drei Hände voll Erde von seiner Hand, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes als letzten Gruß zum Sarg seiner Frau hernieder. Schon polterten die Erdschollen auf das Holz des Sarges ... Plötzlich zuckten Donarts Augen, und im jähen Schmerz rollten dicke Tränen über seine Wangen. Er weinte um den liebsten Menschen seines Lebens, der nun in die Erde gebettet war, in der auch Bäume und Rosen wurzeln ... Und Donart verzog sein Gesicht, er wusste, die Glut ihrer Liebe ist erloschen, wie das Licht, das aus ihren Augen einst erstrahlte. Und ihr Leib wird Erde werden ... Bevor die Sonne zwischen den Wolken unterging, schritten Donart und Aurelius, nach der Beerdigung schweigend dem Gasthof Zum Schwarzen Ochsen entgegen. Lange wagte Aurelius nicht, den Freund in seinen Gedanken und Gefühlen zu stören, denn des Freundes Leben war hart und entbehrungsreich gewesen, und der Tod seiner Frau hatte ihn schwer getroffen. Endlich fasste er sich ein Herz, räusperte sich und sagte leise: »Ich verstehe dich, Michael, dass der Tod deiner Frau dich berührt hat, und dir die Kehle zuschnürte. Dein Körper krampfte sich im Schmerz zusammen.
Aber deine Frau konnte, trotz des langen Kampfes mit dem heraufziehenden Tod, diesen Kampf nicht gewinnen. Ihr kleines pochendes Herz unterlag, weil es zu schwach war, um der schweren Krankheit zu trotzen. Alles was in deinen Kräften stand und möglich war, hast du getan, um sie am Leben zu erhalten. Die Tür deiner Frau zum Jenseits ist ins Schloss gefallen ... Nüchtern darf ich ergänzen, du hast ihr eine christliche Bestattung auf dem Friedhof nicht versagt. Wach’ auf, heb’ deinen Kopf und richte deinen Blick auf die Zukunft! Das Leben geht weiter, Bruder in Jesu.« Für den traurigen Donart waren die wenigen Worte seines Freundes wie Frühling. Sie wärmten seine Seele wie die Luft, die den Schnee taut. Ein Wink mit der Hand, ein müdes Lächeln Die Sehnsucht nach der Frau unterdrücken ... Neue Kraft tanken ... Er griff zum Schnapsglas, hob es in Brusthöhe und brummte schließlich: »Bruderherz, trinken wir auf meine Frau und ihre Seele. Möge sie im Himmel mit Gottes Engelschar ewigen Frieden finden. Auf ihr Wohl in himmlischer Höhe!« Stumm tranken sie ihren Korn ... Mehr als zwei Stunden saßen sie nun schon Zum Schwarzen Ochsen beisammen. Und Aurelius war ein guter Zuhörer. Er lauschte, wie sein Freund, nun wie eine Bergquelle sprudelnd, über die Einzigartigkeit seiner Frau berichtete. Verlockend stand sie einst als junges Mädel vor ihm. Sie war stolz, schön, klug, voller Liebreiz und von naiver Zuversicht. Auf ihren Lippen lag immer ein Lächeln. Ein halbes Jahr später hatten sie geheiratet. Sie war eine vorzügliche Hausfrau. Das Glück war ihnen hold gewesen. Und sie büffelte mit ihm in der Bibel, die von Luther aus dem Jahre 1534 stammte. Auch während er in der Werkstatt arbeitete, steckte sie die Nase ins Neue Testament und träumte vom Paradies Gottes. Und eines Abends, als beide beim Kerzenlicht die Lutherbibel lasen, bekamen ihre Augen einen besonderen Glanz, als sie wie träumend sagte: »Luther ist schuld, mein lieber Michael, dass wir klüger und gelehrter wurden. Mit Martin Luther ist ein neues Zeitalter im religiösen Leben der Menschen angebrochen. Wir sind dem Katholizismus davongerannt und sind jetzt Protestanten. Tatsächlich, Luther ist schuld!« hatte sie wiederholt. Die Erinnerung an diese Stunde blieb wie Leim in seinem Kopf haften. So hatten sie damals gelernt, Luthers Gedanken die protestantische Glaubenslehre die in den Katechismen von 1529 ihren Niederschlag gefunden hatten, in sich aufzunehmen. In ihren Köpfen rumorte es,
Roman "Frauen im Feuer der Liebe"

“Das goldene Herz der Frau”

Verlag: Augusta Presse- und Verlags GmbH Das Gold der menschlichen Gesellschaft ist die Mutter und Frau. Schon in den Anfängen ihrer Kultur bestand das unstillbare Verlangen der Menschen nach einer Erklärung ihres Daseins und nach dem Geheimnis ihrer Fortpflanzung. So entstand im Glauben an einen Gott das Erste Testament, das heute das Alte genannt wird. Im 1. Kapitel wird die Schöpfung der Welt beschrieben. Im Vers 27. heißt es dazu: »Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde Gottes … …mehr Text anzeigen!
Leseprobe: Karl Hellauers Wandlung im Zweiten Weltkrieg